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Die Baureihe 55.0 (pr. G 7.1) von Brawa

Aus der Reihe "Modellkritik"

Von Andreas Boecker <baureihe50@yahoo.de> mit Anmerkungen von Erik Meltzer mailto:ermel@modellbahnfrokler.de

Heizerseite

Vorbild

Die G 7.1, ab 1925 Baureihe 55.0 im neuen Nummernplan der Deutschen Reichsbahn, wurde ab 1893 gebaut und bei der Königlich-Preußischen-Eisenbahn-Verwaltung (K.P.E.V.) in Betrieb genommen. Die von Brawa nachgebildete 55 547 wurde gem. Rof Wisos Seite 1909 als Essen 5844 bei der KPEV eingestellt. Mit Wirkung zum 01.01.1925 wurde sie zur 55 547, stationiert 1926 in Dortmund-Süd. Nach dieser Quelle ist sie am 01.07.1950 in der ED Münster, Bw Minden stationiert gewesen.

Nach dem zweiten Weltkrieg verblieben den schon betagten Lokomotiven meist nur untergeordnete Dienste, so wie in Essen Hbf zum Beispiel: Hier erledigten die Lokomotiven den Verschub von Reisezuggarnituren von und zu den Abstellgruppen. Immerhin sind gem. Ostendorf, Die Geschichte der Eisenbahndirektion Essen, Seite 158ff., noch 25 Lokomotiven hier im Einsatz, die größten Stationierungen weisen die Bw Essen Hbf und Dortmund Bbf auf.

Modell

Die Lok wird in einem für die Größe des Modells angemessen dimensionierten Karton geliefert. Sie liegt in einer Kunststoff-Klapp-Verpackung, wie sie in ähnlicher Form auch von z.B. Brawa verwendet wird. Hieraus läßt sich das Modell ohne Probleme entnehmen, feine Armaturennachbildungen sind in der Verpackung gut geschützt. In der monatlichen Modellbahnliteratur und in Foren bemängelte abgebrochene Teile konnte ich nicht feststellen.

Nachgebildet wurde eine Lok mit einem Sandkasten hinter dem Dom. Brawa liefert damit mittlerweile drei Kesselversionen, nämlich außerdem die Version mit Sandkasten vor dem Dom (z.B. 40700, die unschlagbar schöne KPEV-Variante) und die Variante mit zwei Sanddomen (z.B. 40716, in ÖBB-Beschriftung).

Zwei separate Zurüstbeutel mit allerlei Kleinzeug liegen ebenfalls bei. Im ersten Beutel sind Kupplungsattrappen, Heizleitungs- und Luftschlauchimitationen. Wer auf die Normkupplung vorne verzichtet, kann den Rahmen mit einem Nachrüstteil verschließen. Im zweiten Beutel sind die Bügelkupplungen enthalten. Eine 27 (Schmal-) Seiten umfassende Betriebsanleitung in Deutsch und Englisch liegt ebenfalls bei.

Lokführerseite

Optische Wertung

Lokomotive

Der Kessel ist spärlich "bekleidet" mit seinen Leitungen, Druckluftkesseln und Aggregaten. Aber so war das nun mal bei Preußens. Die Gravuren sind fein, die Lichtmaschine ist mit allen Leitungen versehen. Das gilt auch für sämtliche Kessel, Pumpen und Dome. Okay, eine Leitung, aus dem Führerhaus auf der Heizerseite kommend, endet etwas unmotiviert kurz vor der vorderen linken Laterne. Was stellt sie dar?

Die Sandfallrohre reichen bis knapp über die Schienenoberkante. Die Zylinder haben eine freistehende Entwässerung und feine Kolbenstangenschutzrohre. Die Trittstufen an der Pufferbohle, zum Führerhaus und am Tender sind ebenfalls sehr fein nachgebildet. Das Bremsgestänge ist frei unter der Lok montiert.

Der Stehkessel Das Führerhaus wirkt sehr breit, ist aber richtig dimensioniert, der Stehkessel vollständig nachgebildet. Die Laternen sind auf der vorderen Pufferbohle freistehend montiert. Die Lok hat (weiche) Federpuffer.

Tender

Platine im Tender Platine im Tender

Der Tender ist ebenso gut detailliert, selbst die drei Halterungen für Schürhaken und Schaufel auf der Heizerseite sind nachgebildet. Der Kohleeinsatz mit leichtem Glanz imitiert Kohle ganz gut. Die Laternen sind ebenfalls freistehend nachgebildet und trotz der eingesetzten LED noch recht fein geraten. Der Tender hat ebenfalls weiche Federpuffer.

Die Lok und der Tender sind über eine Kurzkupplungskulisse miteinander verbunden. Brawa hat sich für eine Führung der Kulisse im Lokrahmen, direkt unterhalb des Führerhauses, entschieden. Hierdurch bleibt der Blick zwischen Lok und Tender frei. Zusätzlich laufen auch noch 10 Kabel nach vorne. Dies ist eine optisch überzeugende, sehr gute Lösung.

Maßtabelle

Vorbild1:87Modell
Achsstand ges.11775 mm135,3 mm135,4 mm
Kuppelradsatz1250 mm14,4 mm14,4 mm
Tenderradsatz950 mm10,9 mm11,0 mm
Spurkranzhöhe0,75 mm
RadsatzinnenmaßLok 14,3 mm, Tender 14,4 mm

Farbgebung

Lokrahmen und Radsätze sind in seidenmatt-rot, der Rahmen von Lok und Tender in matt-rot. Schade, denn dadurch wirken die Radsätze etwas heller als der Rahmen. Der seidenmatte schwarze Teint von Kessel, Führerhaus und Tenderaufbau lässt hingegen optisch keine Wünsche übrig. Farbunterschiede zwischen dem aus Kunststoff gefertigten Kreuzkopf und den aus Blech gestanzten Stangen lassen sich leider auch nicht übersehen. Bei all diesen Problemen hilft aber sicherlich der Pinsel (was bei meiner Lok noch fehlt).

Beschriftung

Mit einem Wort: Lupenrein! Wer nicht auf eine Lesebrille angewiesen ist, der hat seine helle Freude an diesen Details. Alle Beschriftungen auf dem Umlauf, an der Pufferbohle und dem Tender sind, teils unter der Lupe, gut zu lesen.

Technik

Die Lok wiegt 292 Gramm.

Der Maxxon-Motor sitzt in der Lok und wirkt über eine Schnecke-/Zahnradkombination in der Rauchkammer auf die 4. Kuppelachse. Dieser Radsatz ist mit zwei Haftreifen ausgestattet, was beim Rundlauf der Achse leider geringe Probleme mit sich bringt und die Lok leicht taumeln läßt. Gemäß der Ersatzteilliste könnte diese Achse – vermutlich zu Lasten der Zugfähigkeit – gegen die erste oder zweite Kuppelachse ohne Haftreifen getauscht werden. Dann müßte allerdings auch das Zahnrad noch auf den anderen Radsatz aufgezogen werden.

Der Motor ist mit einer kleineren Schwungmasse ausgerüstet, die der Lok zu einem kurzen Auslauf verhilft.

Platine im Tender Im Tender befindet sich die 21-polige Schnittstelle und Platz für die weitere Technik. Platz für einen Sounddecoder und den Lautsprecher ist ebenfalls vorhanden.

Die Beleuchtung wird über warmweiße LED sichergestellt.

Die Stromabnahme der Lok erfolgt über die erste und zweite Kuppelachse der Lok und den ersten und dritten Radsatz des Tenders. Damit ist eine ausreichend breite Stromabnahmebasis gewährleistet, die der Lok auch über kleinere Schmutzstellen hinweg helfen sollte. Bei den Tests funktionierte die Stromabnahme auch dann, wenn nur ein einzelner Radsatz Kontakt hatte.

Rahmen, Kessel und Tenderaufbau sind aus Metall, Führerhaus, Armaturen und der Kohleeinsatz aus Kunststoff. Die Radsätze sind aus Metall, am Tender 2,50mm, an der Lok 2,70mm breit. Der Spurkranz hat eine Höhe von 0,75mm. Damit liegen alle Werte im Rahmen der Norm NEM 310. Dem Betrieb auf Gleisen nach Code 70 (1,8 mm Profilhöhe) oder Code 75 (1,9 mm) steht somit nichts im Wege. Bei Code 55 (1,4 mm)-Gleisen dürfte der Spurkranz jedoch auf das Kleineisen kommen.

Fahreigenschaften

Mangels einer befahrbaren Anlage – sie ist gerade erst im Aufbau – wurde auf einem Rollenprüfstand von Ansaloni Engineering, Italien, getestet. Gefahren wurde Analog und Digital. Für die analogen Testfahrten wurde ein Trafo der Firma Titan, Typ 816 mit Halbwellenanfahr-Technik genutzt. Für die digitalen Testfahrten kam ein ESU LokPilot V4.0 in der 21-poligen Schnittstelle zum Einsatz. Gesteuert wurde mit der Uhlenbrock Intellibox I. Die Steuerung wurde mit einem Uhlenbrock-FRED durchgeführt.

Auf dem Rollenprüfstand setzte sich die Lok analog bei 2,2V sowohl vorwärts, als auch rückwärts in Bewegung. Das Rollverhalten der Lok ist dabei einwandfrei. Auch eine Selbsthemmung des Getriebes war nicht feststellbar.

Die Lok läßt sich feinfühlig höher regeln und erreicht bei ca. 11 V ihre Vorbild-Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h, bei 18V liegt die Höchstgeschwindigkeit bei rund 70 km/h.

Die Beleuchtung setzt im Analogbetrieb bei ca. 2,2 V ein. Lok- und Tenderlaternen leuchten sehr gleichmäßig. Im oberen Geschwindigkeitsbereich werden sie schon fast etwas zu hell, was vor allem beim Führerhaus negativ auffällt.

Digital ausgestattet mit dem oben erwähnten ESU-Decoder kann die Lok ab Fahrstufe 1 sehr feinfühlig über den gesamten Regelbereich bis Fahrstufe 126 geregelt werden. Dabei waren im Lauf der Lok keine Geschwindigkeitssprünge feststellbar.

Die Froklerecke

Demontage

Zum Entfernen des Tendergehäuses ist erst der hintere Werkzeugkästen auf der Heizerseite nach unten abzuziehen. Danach lassen sich 4 leicht zugängliche Schrauben herausdrehen und das Tendergehäuse einfach nach oben abheben. Nun sind alle wichtigen Elektronik-Baugruppen des Tenders frei zugänglich.

Der Brückenstecker sitzt relativ stramm, der Decoder ließ sich jedoch leicht aufsetzen und hat ausreichend Platz im Tender.

Wesentlich komplizierter gestaltet sich die Demontage der Lok. Hier ist laut Anleitung bereits ein vollständiges Zerlegen des Fahrgestells notwendig. Dies habe ich mir erst einmal gespart, weshalb es hierzu auch keine "Innenaufnahme" der Lok gibt. Für dieses komplizierte und zeitraubende Verfahren gibt es aber dann auch einen großen Minuspunkt in Sachen Wartungsfreundlichkeit. Da lobe ich mir zwei Schrauben und ab ist der Kessel, wie es beispielsweise bei Rocos Baureihe 50 gelöst ist.

Bastelmöglichkeiten

An dieser Lok ist nicht viel zu basteln. Was ihr sehr gut stehen wird, ist die OBK-Kupplung von Michael Weinert aus Hamburg. Die gehört nämlich in die Pufferbohle und nicht in den NEM-Schacht. Der verschwindet dann hinter der Frontplatte des Rahmens, Kinematikabdeckung nennt das Brawa.

Danach wird die Lok in den Zustand Mai 1954 versetzt: mit der Nummer 55 510, ED Essen, Bw Essen Hbf. Pfeife und (falsche) Gaslaternen-Entlüftung auf dem Führerhausdach werden entfernt und ein Messingdrehteil zur Imitation des Zugbahnfunks angebracht. Eine "mittlere" Alterung, und fertig ist ein Schmuckstück für den Bahnhof Kolvoerde ... (siehe Schenk, Eisenbahnen im östlichen Ruhrgebiet, Seite 49).

Aus der Variante mit zwei Sanddomen (Bestellnummer 40716, BBÖ) läßt sich Dampflok 1 der Gutehoffnungshütte herstellen. Sie benötigt "nur" einen roten Rahmen von Lokomotive und Tender, sowie (vermutlich) dunkelgrüne Aufbauten von Kessel, Führerhaus und Tender. Die Rauchkammer bleibt schwarz. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme ist zu finden in Schenk, Eisenbahnen im westlichen Ruhrgebiet, Seite 43.

Wer auf die umfangreichen Lackierarbeiten bei dieser Variante verzichten will, nimmt sich der 55 623, ED Essen, Bw Dortmund Bbf, an. Sie fuhr in Diensten der Deutschen Bundesbahn unter anderem den Personalpendel in das AW Dortmund.

Fazit

HURRA – wollte ich fast schreien, nimmt sich doch endlich mal ein Modellbahnhersteller einer Lok der BD Essen an. Schließlich wurde die G 7.1 in dieser Direktion nach dem Zweiten Weltkrieg noch in 25 Exemplaren betrieben. Doch weit gefehlt, man entschied sich in Remshalden für eine Lok der ED Münster ...

Doch lassen wir das Meckern und wenden uns dem Modell zu. Was soll man dazu sagen? Angesichts der überzeugenden inneren und äußeren Werte der Lokomotive gibt es da kaum etwas auszusetzen. Eine rundherum gelungene Lokomotive mit hervorragenden Fahreigenschaften, sowohl analog als auch digital.

Danke Brawa, möchte man da sagen, daß ihr diese Type – trotz eines (preiswerten, aber auch ziemlich verhunzten) Konkurrenz-Modells auf dem Markt – ebenfalls aufgelegt habt.

Daß dann auch noch drei Kesselvarianten zur Verfügung stehen, ist umso bemerkenswerter und für den Modellbauer nach Ruhrgebietsvorbildern der Epoche 3a ein willkommenes Angebot.

Wo so viel Licht ist, ist auch Schatten! Was mir gar nicht gefällt: Der Preis! 359,00 Euronen und mehr für das Modell tun richtig weh! Und das nur für die analoge Grundversion. Nur 100 Euro weniger je Lok, und ich könnte auch bei den anderen Kesselvarianten schwach werden. Aber so bleiben sie (vorerst) eben im Laden. Eigentlich schade, hat Brawa doch einen echten (Nischen-)Knüller für den Epoche-3a-Fahrer hingelegt.

Zu guter Letzt ist auch die schlechte Wartungsfreundlichkeit der Lokomotive (nicht des Tenders) ein deutlicher Abstrich in der sonst so guten Bewertung.

Zum Schluß meine persönliche Anmerkung zur ED/BD Essen: Fast schon sträflich wird die Essener Eisenbahndirektion vernachlässigt. Mit Ausnahme weniger SVT und Elektrolokomotiven wird diese Direktion sowohl in der Literatur als auch bei der Lokauswahl der einschlägigen Hersteller (und sei es auch nur die Dampfloknummer) vernachlässigt. Ich kann gar nicht glauben, daß eine Direktion mit dieser Eisenbahndichte so wenige Anregungen für Autoren und für die Modellbahnindustrie bietet. Klar, wer nur ins DB-Museum nach Nürnberg fährt, um sich Ideen für neue Loks zu holen, der wird über die Direktion Essen nichts finden. Dazu müßte man nach Düsseldorf fahren. Dort, im Landesarchiv, findet man herrliche Anregungen für hunderte von Ideen. In Bildern, Zeichnungen und Schriftstücken.

Also, liebe Modellbahnhersteller, warum nicht mal an den Rhein, ins schöne Düsseldorf, fahren? Ansonsten kann man ja auch mich mal fragen ...

Mit einem augenzwinkernden Gruß: Andreas.


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Zuletzt bearbeitet am 2. Februar 2014   Technische Probleme? Mail an Webmaster